Kirchengemeinde Ittersbach: Augusta-Maria-Bibel


 

In manch einem Pfarrarchiv befinden sich wahrhaftige Kleinodien. So auch in Ittersbach, wo eine der extrem seltenen "Augusta-Maria-Bibeln" aus dem Jahr 1698 aufgefunden wurde. Was hat es mit dieser Bibel auf sich?

Die Bibelausgabe der Augusta Maria ist im Oktavformat gehalten und daher auf vier dicke Bände aufgeteilt. Auf dem Vorblatt des ersten Bandes finden wir die Kupferstichporträts der Stifterin der Bibel, Augusta-Maria (1649 - 1728), und ihres Ehemannes, des Markgrafen Friedrich VII. Magnus ( 1647 - 1709 ). Friedrich Magnus lernte die holsteinische Prinzessin auf einer Kavalierstour 1669 in Husum kennen. Augusta Marias Mutter stammte aus Kursachsen, dem Kernland der Reformation; die Prinzessin war aber auch von der damals neuen Strömung des Pietismus geprägt. 1670 heirateten sie - wegen eines Todesfalls in der Familie Gottorp - in aller Stille, eine der ganz wenigen Liebesheiraten unter dem Hochadel der Barockzeit. Gezeichnet wurden die netten Bilder von Ruber, in Kupfer gestochen von J. G. Seiller. Die Bibel ist durch diese Porträts schon beim Aufschlagen als besonders autorisierte und gestiftete Bibel gekennzeichnet.

Der vollständige Titel der Bibel lautet:

"Biblia, Das ist die Gantze H. Schrifft Altes und Neues Testaments, Teutsch Doct. Martin Luther // Auf Gnädigste Verordnung und Vorschub des Durchleuchtigsten Fürsten Frauen Augustae Mariae (...) in Vier verschiedenen Theilen mit leßlicher Schrifft herausgegeben und gedruckt. Durch Joh. Jacob Battier im Jawr Christi 1698".
Von den Titelblättern der Folgebände kennen wir auch den Druckort Basel.

Die Bibelausgabe beginnt dann mit einer Widmung an die Fürstin Magdalena Sybille, Herzogin von Württemberg, sodann folgt ein ausführliches Vorwort des Herausgebers, des markgräflichen Hofpredigers Christian Rabus.

Warum ist die Bibel 1698 in Basel erschienen?

Wer glaubte, mit dem Westfälischen Frieden würde auch für den Oberrhein eine Zeit des Friedens einkehren, sah sich getäuscht. Bald brach der sogenannte Holländische Krieg (1674 - 1677 ) aus und dann folgte der verheerende Pfälzische Erbfolgekrieg (seit 1689). Im Gegensatz zu seinem Vetter Ludwig Wilhelm von Bade-Baden (1655 - 1707), dem "Türkenlouis", seinem Vater oder einigen seiner Brüder war der seit 1677 regierende Friedrich VII Magnus ein äußerst friedliebender Fürst. So floh er im Krieg aus seiner Residenz, der Karlsburg in Durlach, und wich nach Basel aus, wo die Markgrafen ein stattliches Haus besaßen. Im Baseler Exil  schließlich erreichte das Fürstenpaar auch die Nachricht vom Frieden von Rijswijk 1697. Das war Anlass genug, den Wiederaufbau des Landes zu planen und in Gang zu setzen. Dabei ging es dem Fürsten und seiner Gemahlin nicht nur um den materiellen und bevölkerungspolitischen Wiederaufbau, sondern auch um die seelische Zurüstung ihrer Untertanen. Zu diesem Zweck ließ die Märkgräfin nicht nur ein eigenes badisches Gesangbuch ("Himmlisch gesinnter Jesu Hertzen Geistliche Seelenfreude oder Neu-vermehrtes Christliches Gesangbuch...", Basel 1697) herausgegeben, sondern im folgenden Jahr auch eine handliche Bibelausgabe für die Benutzung in den Kirchen und Familien. Beide - Gesangbuch und Bibel - waren jeweils die ersten Bücher ihrer Art, die speziell für die Markgrafschaft Baden herausgebracht wurden.

Was bedeutet die Widmung an die Herzogin von Württemberg?

Magdalena Sybilla, geborenen Landgräfin von Hessen-Darmstadt (1652 - 1712), war ein bewundertes Vorbild der Markgräfin. Seit 1677 verwitwet, erlangte sie als Vormund ihres kleinen Sohnes Einfluss auf die Geschicke ihres Landes. Die Herzogin wurde im Lande wegen ihres wohltätigen Verhaltens als "eine Mutter in Israel" und " Fürbitterin und Säule des Landes" verehrt. 1697 wurde eine badisch-württembergische Doppelehe geschlossen: Der badische Thronfolger Karl III. Wilhelm (1679 - 1738) heiratete Magdalena Sybillas Tochter, Prinzessin Magdalena Wilhelmina, und der württembergische Thronfolger Eberhard Ludwig (1677 - 1733) heiratete Johanna Elisabeth von Baden-Durlach. Das einzige bekannte Exemplar des ältesten badischen Gesangbuchs ist übrigens durch ein Vermächtnis der württembergischen Herzogin erhalten geblieben. Die Widmung von 1697 nimmt also sowohl auf die neue familiäre Bindung, als auch auf die Bewunderung der sozialen Kompetenz der Fürstin Bezug.

Was ist mit der Bibelausgabe beabsichtigt?

Hierauf gibt das erwähnte Vorwort ausführlich Auskunft.

Der erste und wichtigste Grund ist das Wort Gottes zu verkünden, aus dem jedermann Trost, aber auch "Hertzens-Vergnügung" schöpfen könne. So wie sie selbst den Trost aus dem göttlichen Wort an sich selbst erfuhr, so möchte sie ihn auch an ihre Untertanen weitergeben. Die Liebe zu Gottes Wort und das Gotteslob sind das Leitmotiv des seelsorglichen Engagements der Landesmutter. Dass das göttliche Wort aber auch als ganz konkrete Unterstützung in den Nöten des Alltags verstanden werden durfte, verdeutlichte sie bereits in der Vorrede des Gesangbuchs, das sie ihrem Gemahl gewidmet hatte. Dort hatte sie nämlich argumentiert, Gott werde "nach überstandener Trübsal uns die Gnade [...] gönnen, unser verstörtes Durlachisches Zion mit seiner Hülffe also wieder auffzurichten";

der zweite nicht minder wichtige Grund ist durch die immensen Verluste durch den andauernden Krieg bedingt, denn nicht nur Ortschaften und Menschen waren Opfer des Krieges, sondern auch die heiligen Schriften. Es gaben in Kirchen und Familien keine Bibeln mehr. Dem wollte die Markgräfin abhelfen und die Prediger "mit der Bibel als dem höchstnöthingen und nutzlichen Buch zu versehen";

den Zeitumständen und den aktuellen Bedürfnissen entsprach die bescheidene Ausstattung. Eine Bibel im Oktavformat ist alles andere als repräsentativ. Andererseits wählte man einen " groben, deutlichen Druck", die im Titel bereits angekündigte "leßliche" Schrift , denn die Bibel sollte nicht nur als Altarbibel Verwendung finden, sondern auch in den Händen alter Leute, die nicht mehr gut sehen konnten, ihren Zweck erfüllen; bei dem Format und der großen Schrift war es daher unumgänglich, den Bibeltext auf mehrere Bände aufzuteilen, sollte sie handlich und gut benutzbar bleiben;

theologiegeschichtlich interessant ist schließlich der ausdrückliche Hinweis, dass die Bibelausgabe den "lauteren" Luthertext bringe und vollständig auf Glossen etc. verzichte. Die Glossen dienten der Kommentierung des Bibeltextes im Sinne einer bestimmten Konfession. Wir können hier die bewusste Abkehr dann von der Praxis der Kommentierung und der willkürlichen Veränderungen des biblischen Wortes durch den Zeitgeschmack und den konfessionellen Standort feststellen. Es geht hier um einen einheitlichen Gebrauch der Bibel, um die Rückkehr zum reinen Wort Gottes, das keine Erklärung benötigte. Der frommen Fürstin nimmt man ihre Motive gern ab. Durch persönliches Leid gegangen (sie verlor sechs ihrer elf Kinder), kam sie zu einem tiefen Glauben, den sie zum Beispiel auch durch eigene Kirchenlieddichtungen bezeugte. So wie Zerstörung und Tod ihr äußeres Leben beherrschte, so fand sie doch eine überzeugende Antwort aus dem Wort Gottes, das sie durch Bibel und Gesangbuch auch den bedrückten badischen Untertanen nicht vorenthalten wollte.

Auch die Überlieferungsgeschichte der Bibel ist aufregend und spannend. Lange galt die Augusta-Maria-Bibel aufgrund des Verlustes in der badischen Landesbibliothek als verloren. Noch 1971 rekonstruierte Hermann Erbacher die Hintergründe der Bibelausgabe allein aus den archivalischen Quellen. Aus Befehlbüchern von Kirchengemeinden wissen wir, dass die Markgräfin die Bibeln an die Kirchen des Landes verschenkte unter der Bedingung, dass die Buchbindearbeiten in Höhe von 1 Kr. 24 Gr. von Kirche oder Gemeinde zu tragen seien. Es ist der Charakter der Bibel als Gegenstand des täglichen Gebrauchs, der sie heute so selten und wertvoll gemacht hat. Denn die Bibel wurde im buchstäblichen Sinne abgenutzt und verbraucht. Glücklicherweise haben sich neben der Stuttgarter Bibelsammlung auch in Baden (so weit bekannt) zwei vollständige und relativ gut erhaltene Exemplare erhalten, das eine in der Landesbibliothek, das andere in der Kirchengemeinde Ittersbach. Der außerordentliche historische und ideelle Wert dieser Bibelausgabe ließen es so auch gerechtfertigt erscheinen, das Ittersbacher Exemplar im landeskirchlichen Archiv zu restaurieren. Die Rückgabe und Vorstellung der restaurierten Augusta-Maria-Bibel an die Evangelische Kirchengemeinde in Ittersbach am 11. Mai 2003 geriet so zu einem ganz besonderen Ereignis im Jahr der Bibel.

Dr. Udo Wennemuth