Kirchengemeinde Ittersbach: Predigt über Offenbarung 5,6-14


Allianzgebetswoche - Abschluss

Lesung: Lk 11,1-13

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Amen

  

Kennen Sie Ottilie Geiselbrecht? – Nein? – Und Ihr Konfirmanden, kennt Ihr Ottilie Geiselbrecht? – Nein? – Hat Ottilie Geiselbrecht etwa etwas mit dem Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes zu tun, den ich gleich lesen werde? - Dieser Abschnitt ist wie ein Zapp auf einem Fernsehkanal. Und Zapp; Wo sind wir? – Was sehen wir? – Was wird dort gespielt? – Wird da gespielt oder sind wir mitten im realen Leben gelandet? – Zapp: Wir landen im realen Leben. Aber in einer anderen Dimension. Wir finden uns wieder in der Dimension der himmlischen Welt Gottes. Man könnte sagen im Himmel. Wir befinden uns in unmittelbarer Nähe des Thrones Gottes wieder. Eigenartige Gestalten sind dort zu finden. Seraphinen und Cherubinen, Engel und Menschen aus allen Nationen und Zeitaltern finden sich dort. Sie beten das Lamm an, nämlich Jesus Christus selbst. Und Ottilie Geiselbrecht? – Lassen Sie mich erst aus dem fünften Kapitel der Offenbarung des Johannes lesen. Der Seher Johannes schreibt:

 

Und ich sah mitten zwischen dem Thron und unter den vier Gestalten und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.

Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und siehe, als es das Buch nahm, da fielen die vier Gestalten und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen und sie sangen ein neues Lied:

Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.

Und ich sah, und ich hörte eine Stimme vieler Engel um den Thron und um die Gestalten und um die Ältesten her, und ihre Zahl war vieltausendmal tausend; die sprachen mit großer Stimme:

Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen:

Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Und di vier Gestalten sprachen: Amen!

Und die Ältesten fielen nieder und beteten an.

 

Off 5,6-14

 

 

Herr, unser guter Gott, wir bitten dich: Stärke uns den Glauben! AMEN

 

Liebe Gäste und Freunde! Liebe Konfirmanden! Liebe Gemeinde!

 

Darf ich Sie und Euch nochmals an meine Anfangsfrage erinnern? – Kennen Sie Ottilie Geiselbrecht? – Wer ist diese Ottilie Geiselbrecht? –  Jedes Jahr schreibe ich an Verwandte und Freunde einen Weihnachtsbrief. Vor ein paar Tagen kam ein Brief mit der Aufschrift Ottilie Geiselbrecht, Frühlingsstraße 5 -91560 Heilsbronn’ zurück. Auf dem Brief stand der Vermerk ‚Verstorben’. Mein erster Gedanke war: Wieder eine Beterin weniger auf Erden. Wieder eine alte Beterin weniger. – Ich kannte Frau Geiselbrecht von den Christusträgern her. Sie war immer wieder auf Feizeiten in den Häusern der Christusträger. Dort hatten wir uns auf einer Freizeit in Ralligen am Thuner See in der Schweiz über den Römerbrief kennen gelernt. Mit meinem Ausscheiden von den Christusträgern brach der Kontakt ab. Als ich ein paar Jahre in Steinen war erhielt einen Brief von Ihr. Sie schrieb: „Ich freue mich, dass Sie eine Pfarrstelle haben, und ich weiß, dass Sie Ihren Auftrag gerne tun. Sie stehen in meinem Fürbittenbuch und bleiben auch da. … Gott anbefohlen grüßt Sie herzlichst Ihre Ottilie Geiselbrecht.“ (30.09.96.). Mancher Segen, der von mir und durch mich ausgegangen ist, ist dieser guten, alten Beterin zu verdanken. Vielleicht danken Sie Gott auch einmal für Ottilie Geiselbrecht. Auch Sie hat mitgeholfen, dass aus mir etwas einigermaßen Rechtes geworden ist.

An Ottilie Geiselbrecht wurde ich erinnert, als ich den Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes las, den die Allianzgeschwister für unseren Sonntag vorgeschlagen haben. Es geht um das Gebet und das Beten. Wo hat uns der Abschnitt aus der Offenbarung hingeführt? – Wo sind wir da hingeraten? – Johannes nimmt uns mit vor den Thron Gottes. Sind wir in der Zukunft? – Sind wir in der Gegenwart? – Sind wir in der Vergangenheit? – Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Das Lamm wird genannt. Es wird das Buch mit den sieben Siegeln genannt. Mit dem Öffnen des Buches gehen unvorstellbare Plagen über die Erde und läuten die Endzeit ein. Können wir das entdecken, dass unvorstellbare Plagen über die Welt gehen? – Ja und Nein. Wir wissen es nicht. Aber das wissen wir: Das hatten die Glaubenden zu allen Zeiten festgehalten. Wir haben die Hoffnung, dass das bald geschieht. Das Lamm Gottes, der lebendige Christus wird wiederkommen und alles Verkehrte aus dieser Welt zurecht bringen. Aber das entscheidende ist nicht, dass wir genau wissen, welches Siegel des Buches nun geöffnet ist und welche Plage diese Erde heimsucht. Es haben schon so viele Plagen diese Erde heimgesucht und so viele waren hausgemacht. Es haben auch schon viele Plagen Ihr und mein kleines Leben überzogen. Vielleicht haben Sie sich schon manches mal dann gefragt: „Wo ist Gott?“ – Oder Sie haben ihn direkt gefragt: „Wo bist du Gott?“  Johannes gibt uns eine Antwort auf diese Frage: Gott sitzt auf dem Thron. Gott regiert. Und wenn hier auf Erden kein Mensch sich um den dreieinen Gott mehr scheren sollte. Gott, der Vater, sitzt auf dem Thron und das Lamm Gottes hat das Buch mit sieben Siegel in den Händen. Und wenn mir persönlich mein Leben wie ein Buch mit sieben Siegeln erscheint, weil ich auf so viele Fragen in meinem Leben keine Antwort habe und mir auch die Welt so dunkel und voller Fragen ist. Christus wird eines Tages sein Buch auftun und ich werde verstehen und keine Fragen mehr haben. Und noch eines geschieht: Auch wenn hier auf der Erde kein Mensch sich mehr um Gott zu kümmern scheint. Der dreieine Gott sitzt auf seinem Sohn und wird angebetet. Er wird geehrt, weil er Gott ist, der Herr aller Herren und der König aller Könige. Dreimal wird das Lob Gottes in diesem Abschnitt angestimmt:

Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden.

Das Lamm, das geschlachtet ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob.

Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

 

 

Was geschieht da? – „Die Ältesten fielen nieder und beteten Gott an.“ – Sie beten den dreieinen Gott an. Was ist das: ‚Anbetung Gottes’? – Es gibt viele Arten des Gebetes. Es gibt den Dank. Ich danke Gott für das, was er getan hat. Ich danke für meine Ehefrau und meine Kinder, für Kleidung und Essen, für meine Brüder und Schwestern, für mein Auto und meine Motorsäge, für meine Ausbildung und für meine Eltern. Gott gebührt Dank. Er hat uns mit vielen Gaben reich bedacht. Dafür können wir ihm ruhig sagen: „Danke lieber Gott!“

Es gibt die Bitte an Gott. Ich bitte ihn, dass er mir bei einer Klassenarbeit hilft. Ich bitte ihn um Frieden in der Welt und um Bewahrung der Schöpfung. Ich bitte ihn um mein täglich Brot. Ich bitte ihn, dass er mich meinen Weg finden lässt. Ich bitte ihn, dass ich den richtigen Partner bzw. die richtige Partnerin finde. Ich bitte ihn um Hilfe bei einem schweren Gespräch und einem mühsamen Besuch.

Es gibt das Bußgebet. Ich bitte Gott um Verzeihung meiner Schuld. Ich bitte um Vergebung für gemeine und böse Worte. Ich bitte um Vergebung, weil ich einem Menschen in Not nicht geholfen habe. Ich bitte um Vergebung, weil ich Gott so wenig liebe und ihn so oft verletzte. Ich bitte um Vergebung, weil es so wenig Frucht der Heiligung in meinem Leben gibt und ich immer wieder in dieselben Sünden falle.

Es gibt die Fürbitte. Ich bitte ihn für bestimmte Menschen in bestimmten Situationen. Ich bitte für kranke Menschen. Ich bitte für Menschen in Trauer. Ich bitte für Menschen, die verletzt und gedemütigt worden sind. Ich bitte für Menschen, die in Süchten gefangen sind und frei kommen wollen. Ich bitte für Kinder, deren Väter oder Mütter weggelaufen sind. Ich bitte für die vielen Menschen, die nach einer Scheidung oder Trennung nur noch ein Trümmerhaufen sind. Ich bitte für unseren Landesbischof Herrn Fischer und unseren Dekan Herrn Gromer. Ich bitte für meine Kollegen in Langensteinbach, Spielberg, Auerbach und Mutschelbach. Ich bitte für die Betriebe und die Menschen, während meines Praktikums im Industriegebiet. Ich bitte für meine Konfirmanden und die Kinder im Kindergarten. Es gibt so viele Menschen, die meine Fürbitte brauchen.

Es gibt auch das Klagegebet. In den Psalmen finden wir viele Klagegebete. Die Menschen schreien ihre Not vor Gott heraus. Sie bringen ihm ihre zerrissenen Herzen und geschundenen Seelen. Sie bringen die Wunden in ihren Seelen. Sie bringen ihre Verzweiflung und ihre Angst. Ihren Kummer und ihre Not werfen sie Gott vor die Füße. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2) schreit der Beter des 22. Psalmes heraus. Und unser Herr Jesus Christus schreit diese Worte in die Finsternis der Welt am Kreuz von Golgatha.

Dank und Bitte, Bußgebet und Fürbitte, die Klage. – Das sind Arten des Gebetes. Eine besondere Art des Gebetes ist die Anbetung. In den letzten zwanzig Jahren wird viel von Anbetung und Lobpreis gesprochen. Es hat einen richtigen Boom von Anbetungsliedern gegeben. Manche dieser Lieder sind sehr schön. Manche sind aber schon verbraucht und in der Versenkung verschwunden. Dabei wurde etwas Richtiges bemängelt. In unseren Gottesdiensten wurde viel gebetet, Buße getan und für die Menschen und für uns selbst gebetet. Aber der Dank und die Anbetung kamen etwas zu kurz.

So machten die Anbetungslieder auf einen Mangel aufmerksam. Aber dann wurde daraus ein Boom. Jeder feierte Lobpreis und Anbetung. Alles wurde auf einmal zu Lobpreis und Anbetung. Es wurde ein großer Eintopf gemacht und alles hineingeworfen. Dabei rückten die anderen Arten des Gebetes in den Hintergrund und gingen fast verloren. In den Mittelpunkt war nicht mehr Gott, sondern das persönliche Wohlbefinden. Und wenn das Gefühl zu kurz kam, dann war es keine rechte Anbetung gewesen.

Aber kehren wir noch einmal in den himmlischen Thronsaal zurück. Dort steht Gott im Mittelpunkt, der dreieine Gott. Gott wird angebetet. Dabei ist es dem Johannes gar nicht nach Anbetung zumute. Die Klage liegt ihm auf der Zunge und im Herzen. Er als Bischof seiner Gemeinde ist auf die Insel Patmos verbannt. Seine Mitchristen werden verfolgt, in die Gefängnisse geworfen und zum Teil umgebracht. Das Wehgeschrei der Christen bringt Johannes vor den Thron Gottes. Aber auch die Not der Christen auf Erden unterbricht nicht die Anbetung Gottes. Gott ist Gott und bleibt Gott, auch wenn unser Leben und das Leben unserer Mitchristen in Schmerzen versinkt. Aber weil Gott Gott ist und Gott bleibt, werden unsere Schmerzen und unsere Not nicht das letzte sein. Durch alle Mühsal und alle Kümmernisse hindurch werden auch wir eines Tages vor den Thron Gottes treten und auch niederfallen und ihn unseren guten Gott und Herrn anbeten. Dann wird „er alle Tränen von [unseren] Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei  noch Schmerz wird mehr sein.“ (Off 21,4).

Wann wird das sein? – Und was wird bis dahin sein? – Die Christen der othodoxen Kirchen im Osten sagten sich: „Mensch, im Himmel wird das schön. Darauf freuen wir uns. Aber bis wir dahin kommen, wollen wir auf Erden noch üben. Unsere Gottesdienste sollen etwas wiederspiegeln von dem Lobpreis und der Anbetung Gottes in Himmel. So toll wie die Engel bringen wir das nicht hin. Aber bisschen wollen wir unserem Gott die Ehre bringen, die ihm gebührt.“ – Aus diesem Grund nennen die orthodoxen Christen ihre Gottesdienste ‚die himmlische Liturgie’. – Ich habe daran rumgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: „Ja, das stimmt!“ – Dem dreieinen Gott gebührt nicht nur im Himmel die Anbetung. Auch auf Erden soll ihm schon der Lobpreis und die Anbetung dargebracht werden, die ihm gebührt. Das darf sich auch in unseren Gottesdiensten wieder spiegeln. Ein Stück Himmel und Einübung in den himmlischen Lobpreis soll auch in unseren Gottesdiensten drin. Denn das schrieb mir Ottilie Geiselbrecht in ihrem letzten Brief 2005 im Alter von 93 Jahren: „Die Erde ist die Erziehungsstätte für das ewige Vaterhaus.“ (Januar 2005). – „Die Erde ist die Erziehungsstätte für das ewige Vaterhaus.“

Jetzt wissen Sie und Ihr auch, wer Ottilie Geiselbrecht ist. Sie ist gestorben, aber sie lebt bei Gott und darf nun einstimmen in den himmlischen Lobpreis vor dem Thron Gottes. Aber nun fehlt eine Beterin in der irdischen Schar de Christen. Wollen Sie in diese Bresche treten? – Hat jemand von Euch Konfirmanden diesen Wunsch, die Aufgabe der Fürbitte zu übernehmen? – Ich würde mich sehr freuen, wenn mir jemand von Ihnen und Euch sagen würde: „Herr Pfarrer! ‚Sie stehen in meinem Fürbittbuch und da bleiben sie auch.!’“ – Dann würden Sie und Ihr mithelfen, dass weiter was Rechtes aus mir wird. Aber nicht nur ich, so viele Menschen hier in Ittersbach, in Karlsbad, in Deutschland und der ganzen Welt brauchen Beter und Beterinnen, die die Not der Menschen vor Gott tragen. Wir können nicht alle Not wenden, aber wir können alle Not vor den Thron Gottes tragen. Das ist eine große Aufgaben. Reihen Sie sich doch ein – und Ihr auch – in die Reihe der Menschen, die dafür sorgen, dass die Welt nicht aus den Fugen gerät. Wir können nicht alle Not wenden, aber wir können alle Not vor den Thron Gottes tragen.

 AMEN