Kirchengemeinde Ittersbach: Predigt über Jakobus 5


Predigt über Jakobus 5,13-16 am 22.10.2006 in Ittersbach

  

19. Sonntag nach Trinitatis

Lesung: Mk 2,1-12

  

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Amen

Was tut uns gut? – Was tut uns denn wirklich gut? – Wann fühlen Sie sich so richtig wohl? – Und Ihr? – Wann könnt Ihr Eure Seele so richtig baumeln lassen? – Bei der Konfirmandenfreizeit hatten die Mitarbeiter extra und exklusiv einen ‚Chill out room’ eingerichtet. ‚Chill out’ ist natürlich englisch und könnte so umschrieben werden: „Entspannungsraum’. Ein anderes englisches Wort ist das in aller Munde und in jeder Zeitung zu finden ist, ist das Wort ‚Wellness’. Dahinter steht auch der Wunsch und das Bedürfnis: ‚Mir soll es einmal so richtig gut gehen!’

Gibt es in der Bibel auch etwas zu der Fragstellung: Was tut uns gut? – Was hilft uns zur Entspannung? – Wie kann ich die Seele so richtig baumeln lassen? – Wir könnten einmal auf den Jakobusbrief hören. Da geht es von der Bibel aus um das Thema: Was tut mir gut? – Was hilft mir, dass es mir gut geht?

Ich lese aus dem 5. Kapitel des Jakobusbriefes:

 

Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl im Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennet also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

 

Jak 5,13-16

 

Herr, unser guter Gott, wir bitten dich: Stärke uns den Glauben! AMEN

   

Liebe Gäste und Freunde! Liebe Gemeinde! Liebe Konfirmanden!

 

Was tut uns gut? – Wann fühlen wir uns so richtig wohl? – Beantwortet uns Jakobus diese Frage? – Er beginnt mit etwas, was wir meist gar nicht mögen. Er spricht vom Leiden. Er sagt: „Leidet jemand unter euch.“ – Leiden. Die meisten Menschen wollen von Leiden nichts hören und die meisten Christen auch nicht. Darin liegt ja eine natürliche Schutzfunktion. Leiden tut weh. Das Leiden wirft uns in ein schwarzes Loch. Leiden verzehrt unsere Lebenskräfte. Ist es da verwunderlich, dass die Menschen nicht leiden wollen und wir Christen auch nicht? – Der Wunsch vieler Menschen und vieler Christen ist die eine Seite. Die andere Seite ist diese: Kein Mensch kommt am Leiden vorbei. – Das ist die harte Wahrheit: Kein Mensch kommt am Leiden vorbei. Irgendwann erwischt es jeden und jede. Es gibt Menschen und Christen, die versuchen Ausweichmanöver zu fahren. Sie versuchen sich rechts oder links am Leiden vorbeizumogeln. Aber sie schaffen es nicht. Und es gibt noch eine speziell christliche Botschaft zum Thema Leiden. Seinem Schüler und Mitarbeiter Timotheus schreibt Paulus: „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.“ (2 Tim 3,12). Und an anderer Stelle sagt Paulus: „Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen.“ (Apg 14,22b). – Leiden das gehört in jedes menschliche Leben mit hinein. Das ist aber auch schon ein Trost. Denn dann sind wir keine Ausnahmen, wenn uns das Leiden trifft. Leiden ist dann keine Zugentgleisung. Es ist ein normales menschliches Geschehen. Es ist dann nicht die Frage: Wie verhindere ich das Leiden? – Es ist vielmehr die Frage: Wie gehe ich mit meinem Leiden sinnvoll um?

Wie gehe ich mit meinem Leiden sinnvoll um? – Bevor wir diese Frage weiter verfolgen müssen wir einen Zwischenschritt einlegen. Ich habe gesagt, dass Leiden zu jedem menschlichen Leben dazugehört. Ich kann tun und lassen, was ich will. Als Mensch wird mich irgendwann das Leid anspringen und sich an mir festkrallen und tiefe Wunden in die Seele schlagen. Manche Menschen schaffen es, dem Leiden sehr lange auszuweichen. Aber diese Menschen sind meist oberflächliche Menschen. Sie haben vom Leben nicht viel begriffen und sind meist langweilige Gesprächspartner, deren Reden seicht und belanglos dahinplätschern. Das Leid gehört also zum menschlichen Leben dazu. Aber wie ist das mit dem Leid? – Will das Gott so? – Hat vielleicht Gott Freude daran, uns mit Leid zu überschütten und dann zu sehen, wie wir uns quälen - so etwa wie ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen eine Fliege quält? – Wie hat sich Gott das vorgestellt? – Die ersten Seiten der Bibel berichten davon, wie Gott es sich vorgestellt hat. Gott hat es sich schön, sehr schön vorgestellt. Er hat den ersten Menschen einen schönen Garten, ein Paradies geschaffen. Er hat mit seinen Menschen gelebt und sich an ihnen gefreut. Doch durch das eigene Verschulden der ersten Menschen ist das Leid über alle Menschen hereingebrochen. Sie haben sich das Paradies und die Gemeinschaft mit Gott durch ihren Ungehorsam verscherzt. Bleibt das so? – Nein, die ganze Bibel von den ersten bis zu den letzten Seiten berichtet davon, was sich Gott alles einfallen lässt, um wieder ein Paradies ohne Not und Leid zu schaffen. Am Ende wird Gott es schaffen. So heißt es auf den letzten Seiten der Bibel im Buch der Offenbarung: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; … Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thorn saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Off 21,1-5a).

Aber noch leben wir auf dieser Erde und da gehört das Leid dazu. Nun zurück zu unserer Frage: Wie können wir mit dem Leid richtig umgehen? – Eine erste Antwort orientiert sich an dem Apostel Paulus. Wir können an der richtigen Stelle leiden. „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden.“ (2 Tim 3,12). Das heißt: Es gibt ein Leiden um Christi willen. Auf dem Weg mit Christus gibt es manche Beschwernisse. Wir sind um Christi willen nach Ittersbach. So ein Umzug mit den mit all dem, was dazu gehört ist beschwerlich. Es ja gibt auch Menschen, die um Christi willen in andere Länder reisen. Das ist auch mit vielen Beschwernissen verbunden. Es kann auch sein, dass ich im Betrieb manche Betrügereien nicht mitmache, weil ich mich an den Geboten Gottes orientiere. Das ist auch mit Spott und Unverständnis verbunden. Auf der anderen Seite hat sich mancher Geschäftsmann und manche Geschäftsfrau um Kopf und Kragen gebracht, weil sie sich im einem feinen Netz  selbstgesponnenen Netz aus Lügen und Betrügereien verfangen hatte. Ich leide an der richtigen Stelle, wenn ich um Jesu willen leide.

Aber Jakobus geht es an dieser Stelle nicht zuerst um das Leiden um Christi willen. Jakobus gibt uns geradezu einige Tricks und Tipps, wie wir gesünder leben können. Die Ratschläge des Jakobus sind geradezu ganz im Trend der modernen Wellness- und Chill-out-Angebote. Und das Besondere an den Wellness-Ratschlägen und Chill-out-Tipps des Jakobus sind: Sie sind seit fast 2000 Jahren bestens erprobt und bewährt.

„Leidet jemand unter euch, der bete.“ – Das ist der erste Ratschlag an dieser Stelle von Jakobus. „Leidet jemand unter euch, der bete.“ – Einige unserer Konfirmanden sind bei der Feuerwehr. Also eine Frage an Euch: Wann kaufe ich einen Feuerlöscher? – Vor oder nach oder während dem Brand? – Natürlich bevor es brennt. Viele Menschen haben es nicht mehr gelernt zu beten. Manche haben auch das Beten verlernt. Das Gebet ist so ein Feuerlöscher. Diesen Feuerlöscher Gebet brauchen wir, bevor wir in Not und Leid geraten. Manch ein Mensch hat die unsichtbare Hand Gottes im Leid gespürt. Das Gebet bewahrt uns nicht vor dem Leiden. Aber es bewahrt uns in dem Leiden und führt uns durch das Leiden hindurch. Was soll ich beten? – Das beste Gebet ist immer noch das Vaterunser. Aber ich kann auch einfach wie der blinde Bartimäus in seiner Not rufen: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Mk 10,47). In der Ostkriche wird das Herzensgebet geübt. Im Rhythmus des Atmens wird ein Satz wie „Herr, Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ gesprochen! – Aber es gibt auch die Psalmen als Gebetshilfen. Und – wir dürfen natürlich beten, wie es uns ums Herz ist und wie uns der Schnabel gewachsen ist. Gott hört unser Gebet. Das hat er versprochen. Und was ist, wenn ein Mensch schon lange nicht gebetet oder noch nie gebetet hat? – Gott hört trotzdem. Alle Menschen sind seine Söhne und Töchter, auch wenn sie wie der verlorene Sohn im Gleichnis weit weg von ihrem himmlischen Vater sind. Gott ist unser Vater. Er wartet auf unser Gebet und freut sich, auch wenn wir nach langer Sendepause das erste Mal wieder kommen.

Der zweite Wellness-Ratschlag des Jakobus: „Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ -„Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“ – Es geht uns ja nicht immer schlecht. Wir haben auch diese Zeiten, Tage, Wochen, Monate und manchmal Jahre, an denen es uns gut geht. Sagen wir da Gott Dank für alles, was uns geschenkt ist? – Wir sind reich beschenkt. Es gibt Menschen, die haben alles, was man sich denken kann. Doch sie sitzen in einem tiefen Loch. Über Jahre haben sie das Danken vergessen und die Sonne scheint an einem blauen Himmel. Aber sie sehen nur dunkle Wolken um sich herum. Ein alter christlicher Spruch lautet: „Danken schützt vor Wanken. Loben zieht nach oben.!“

Ein dritter Wellness-Ratschlag des Jakobus: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl im Namen des Herrn.“ – Wieder geht es um das Gebet. Diesmal beten die Ältesten der Gemeinde für das kranke Gemeindeglied. Die Salbung mit Öl kann als äußeres Zeichen das Gebet beleiten. Wir dürfen füreinander Beten. Wir dürfen über den Sorgen und Nöten eines Menschen beten. Wir dürfen für die Genesung eines Kranken beten. Für unsere katholischen Schwestern und Brüder war diese Anweisung sehr wichtig. Sie haben dies in den Rang eines Sakramentes erhoben. Die Krankensalbung wurde durch die Jahrhunderte hindurch praktiziert. Für mich ist dieses Wort auch sehr wichtig. Immer wenn ich an ein Krankenbett oder ein Sterbelager gerufen werde, nehme ich dieses Wort mit. Auf Wunsch habe ich schon Menschen gesalbt. Aber immer bete ich um Genesung. Denn dieses Wort enthält ein Versprechen Gottes. „Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.“ – Ich glaube, dass Gott durch Gebet Heilung schenken kann. Ich weiß aber, auch dass Gott das nicht immer tut. Aber ich weiß, dass Gott den kranken oder sterbenden Menschen anrühren wird. Diesem Menschen wird auf die eine oder andere Weise geholfen werden, auch wenn die Krankheit bestehen bleibt oder der Mensch sterben wird. In diesem Glauben bete ich an jedem Krankenlager: „Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.“

Nun kommt etwas Geheimnisvolles dazu, wenn Jakobus weiter spricht: „Und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“ – Was meint das? – Wir haben am Anfang darüber nachgedacht, wie das Leid in die Welt gekommen ist. Der Ungehorsam von Adam und Eva brachte das Leid über alle Söhne Adams und alle Töchter Evas. Die Bibel nennt das, was schief gelaufen ist ‚Sünde’. Sünde ist das, was uns von Gott trennt, wenn wir von unseren Wegen weg von Gott nicht lassen wollen. Sünde kann aber zum Katalysator der Heilung werden, wenn wir sie vor Gott bringen. Sünde das sind die groben Verstöße gegen die Gebote Gottes, wie Gotteslästerung, Lüge, Ehebruch, Betrug und Mord. Aber die Sünde hat noch feinere Spielarten. Manche Christen meinen, wenn sie die groben Sünden lassen oder hinter sich gelassen haben, sei schon alles in Ordnung. Aber es gibt auch die feinen Sünden wie Lieblosigkeit, Streitsucht und Geiz. Sünde trennt nur von Gott, wenn wir in Sünden bleiben wollen. Wenn wir unsere Sünden bekennen, werden sie uns zum Katalysator der Heilung. Sie lassen uns die Gnade Gottes erfahren. Was bewirkt unser Sündenbekenntnis? – „Bekennet also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet.“ -  Das hilft unserem ganzen Menschsein. Die spanische Nonne Therese von Avila sagte im 16. Jahrhundert: „Sünde stört den Kosmos.“ – So wird auch etwas in der Welt heil, wenn Menschen ihre Sünden bekennen. Jakobus spricht hier vom gegenseitigen bekennen. Wir sollen es nicht nur mit Gott in unserem Herzen ausmachen. „Bekennet also einander eure Sünden und betet füreinander.“ – Das tun wir in jedem Gottesdienst. Im Eingangsteil sprechen wir gemeinsam oder der Liturg das Bußgebet. Nach dem „Kyrie“ wird uns die Gnade Gottes zugesprochen. Wir danken dann Gott mit dem „Ehre sei Gott in der Höhe“  und dem Loblied. Aber es gibt auch die Beichte. Vor einem Seelsorger spreche aus, was in meinem Leben in letzter Zeit schief gelaufen ist. Dann spricht mir der Seelsorger die Vergebung zu. Luther hat Zeit seines Lebens die Beichte praktiziert. Ein Christenleben ohne Beichte konnte sich Luther nicht vorstellen. Und auch ich durfte immer wieder den Segen der Beichte empfangen. Was geschieht dadurch? – „Bekennet also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet.“ – Wir dürfen dadurch gesund werden. Ich vermute, dass deshalb heute so viele Menschen mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkommen und unter Depressionen leiden, weil sie gerade das fehlt: Sie beten und danken nicht mehr. Sie lassen nicht mehr für sich beten und tragen ihre Sünde wie einen schweren Rucksack mühselig durch ihre Leben.

Jakobus empfiehlt uns ein Welleness-Paket einer ganz anderen Art. Wir können etwas tun, dass wir als Christenmenschen gesund bleiben nach unserem inneren und äußeren Menschen. Natürlich gibt es noch viele andere nützliche Ratschläge und Tipps zum Thema Wellness und Chill-out. Und zu einem gesunden Körper gehört auch mehr als Gebet, Dank, Fürbitte und Beichte. Aber wer das vergisst wird auch mit den besten Wellness-Paketen und dem besten Chill-out-Room sein Leben nicht ins Gleichgewicht bringen. Und es gibt noch etwas kostbareres – all mein Gebet und all mein Sündenbekenntnis ist doch nicht Selbstzweck. Es hat ein Ziel. Ich möchte zurückfinden in die Gemeinschaft mit meinem himmlischen Vater. Und das tut gut für Zeit und Ewigkeit sich in den Armen eines liebenden Vaters zu wissen, der sich an mir als seinem Sohn oder seine Tochter freut. In der Ewigkeit wird Wellness groß geschrieben. Und: Der Himmel ist ein ganz besonderer Chill-out-Room.

 

AMEN